CUEVA DE LA NEGRA – FÜNF GENERATIONEN AM MEER

Ein mehr als hundert Jahre altes Haus an der Küste Fuerteventuras soll verschwinden. Doch hinter der Cueva de la Negra steckt weit mehr als ein Streit mit der Küstenbehörde. Historische Dokumente, private Familienfotos und die Erinnerungen von Olivia Francés Roger erzählen die Geschichte von fünf Generationen – und von einer Lebensweise, die an den Küsten der Kanaren fast verschwunden ist.

Als Olivia Francés Roger ein Kind war, gehörte eine grüne Guagua zu ihrem Alltag.

Sie lebte damals gemeinsam mit ihrem Bruder Martín Francés in der Cueva de la Negra. Ein ganzes Schuljahr verbrachten die beiden dort. Jeden Morgen holte Matías Marrero die Kinder mit seiner grünen Guagua ab und brachte sie zum Colegio nach Morro Jable. Nach dem Unterricht ging es denselben Weg wieder zurück.

Für Olivia war Cueva de la Negra kein Ausflugsziel und kein Ferienhäuschen am Meer. Es war ein Zuhause.

Heute ist Olivia die vierte Generation einer Familie, deren Geschichte an diesem abgelegenen Küstenabschnitt Fuerteventuras mehr als ein Jahrhundert zurückreicht.

Und diese Geschichte könnte bald einen Teil ihres steinernen Zeugen verlieren.

LORENZO BAUTE DAS HAUS

Nach Angaben der Familie wurde er 1888 geboren. Ein historisches Foto zeigt ihn als jungen Mann mit Schnurrbart, Anzug und Krawatte. Auf einer späteren Aufnahme steht ein deutlich älterer Lorenzo vor einer einfachen Steinmauer. Neben ihm seine zweite Ehefrau und der inzwischen verstorbene Priester Don Agustín Álamo.

Lorenzo errichtete das Haus der Familie in der Cueva de la Negra. Die Kulturvereinigung El Efequén datiert den Bau auf etwa 1910.

Dass die Verbindung der Familie mit diesem Ort nicht nur mündliche Überlieferung ist, zeigen historische Dokumente, die der Familie vorliegen.

In einer Aufstellung aus dem Jahr 1950 über die Gebäude der Dehesa de Jandía erscheint die Cueva de la Negra ausdrücklich als eigener Ort. Sieben chozas werden mit den Namen ihrer Bewohner aufgeführt.

Ein weiteres Dokument aus dem Jahr 1947 erwähnt die Cueva de la Negra im Zusammenhang mit den dort lebenden Familien und dem Fischfang. Es vermittelt einen Eindruck davon, warum solche kleinen Küstensiedlungen überhaupt entstanden waren.

Die Menschen lebten mit dem Meer.

ANDREA – DIE ZWEITE GENERATION

1910 wurde Andrea Pérez López geboren, die Tochter von Lorenzo.

Auch von ihr besitzt die Familie ein historisches Porträt. Eine junge Frau blickt ernst in die Kamera – ein privates Bild, das mehr als ein Jahrhundert Familiengeschichte plötzlich persönlich werden lässt.

Die alten chozas waren keine touristischen Wochenendhäuser im heutigen Sinn. Sie gehörten zu einer Lebensweise, bei der Landwirtschaft, Viehhaltung, Fischfang und das Leben an der Küste miteinander verbunden waren.

Viele dieser einfachen Häuser wurden nie so registriert, wie wir es heute von Immobilien erwarten würden. Manche verfielen, wurden wieder aufgebaut oder innerhalb der Familien weitergegeben.

Genau das sollte Jahrzehnte später zu einem zentralen Problem werden.

EIN GERICHT ERKENNT DAS EIGENTUM AN

Die Familie Roger verfügt über etwas, das bei solchen alten Küstenhäusern keineswegs selbstverständlich ist: eine gerichtliche Entscheidung.

Florencio Francés, der mit Pascuala Roger verheiratet war, stritt mit der Gesellschaft Punta del Sol über das Gebäude.

Ein Gericht in Puerto del Rosario erkannte schließlich das Eigentum an der ursprünglichen Bebauung durch prescripción adquisitiva – die sogenannte Ersitzung oder Usukapion – an. Die Audiencia Provincial bestätigte die Entscheidung.

Das war 1980.

Acht Jahre später trat die heutige spanische Ley de Costas in Kraft.

Das Gericht stellte nach dem vorliegenden Bericht fest, dass die ursprüngliche Behausung von Lorenzo Pérez Díaz errichtet worden war und später an seine Tochter Andrea Pérez López überging.

Damit ist allerdings noch nicht die heutige Auseinandersetzung entschieden.

Denn Eigentum an einem Gebäude und das Recht, dieses innerhalb des heutigen dominio público marítimo-terrestre zu nutzen, sind rechtlich zwei unterschiedliche Fragen.

Und genau dort beginnt der Konflikt mit Costas.

OLIVIA WUCHS MIT DER CUEVA AUF

Für die Familie bestand diese Geschichte währenddessen nicht aus Paragraphen.

Sie wurde gelebt.

Olivia Francés Roger bezeichnet sich selbst als vierte Generation. Private Fotos zeigen sie als Kind und später als junge Frau.

Und ihre Erinnerung an das Schuljahr in der Cueva de la Negra macht deutlich, dass das Gebäude keineswegs nur als gelegentliche Unterkunft existierte.

Olivia und ihr Bruder Martín lebten dort und gingen von dort zur Schule.

Jeden Tag die grüne Guagua von Matías Marrero nach Morro Jable – und jeden Tag wieder zurück.

Was heute in Akten als Gebäude, Parzelle, Küstenlinie oder Konzessionsfrage erscheint, war für Kinder schlicht ihr Alltag.

FÜNF GENERATIONEN AUF EINEM FOTO

Ein weiteres Familienfoto führt die Geschichte bis in die Gegenwart.

Darauf steht Pascuala Roger Pérez vor ihrem Haus in der Cueva de la Negra. Neben ihr ihre Enkelin Lucía de Vera Francés.

Lucía gehört bereits zur fünften Generation.

Vom Erbauer Lorenzo Pérez Díaz über mehr als hundert Jahre bis zu einem kleinen Mädchen vor demselben Haus.

Genau diese Kontinuität möchte die Familie erhalten.

DANN KAM COSTAS

2005 wurde in diesem Küstenabschnitt der deslinde genehmigt – die amtliche Grenzziehung zwischen öffentlichem maritim-terrestrischem Eigentum, den anschließenden Schutzzonen und privaten Grundstücken.

Zwei Jahre später begann Costas ein Verfahren zur Wiedererlangung des Besitzes des Hauses.

Und die Familie Roger ist mit diesem Problem keineswegs allein.

Bereits 2008 und 2009 leitete Costas zahlreiche Verfahren gegen solche alten Küstenbebauungen ein. In Cueva de la Negra rissen – bis auf zwei – die Betroffenen ihre chozas schließlich selbst ab. Nach Darstellung des vorliegenden Berichts geschah dies teilweise auf Aufforderung des Ayuntamiento und aus Angst vor möglichen Sanktionen.

Andere warteten.

Fast zwei Jahrzehnte später wurden zahlreiche lange ruhende Verfahren wieder aktiviert. Weitere Chozas auf Fuerteventura und Lanzarote sind inzwischen verschwunden.

Costas will gegen weitere dieser historischen Küstenhäuser vorgehen.

Doch nicht jede betroffene Familie führt jahrelange Verwaltungs- und Gerichtsverfahren. Solche Auseinandersetzungen kosten Zeit, Kraft und Geld.

Die Familie Roger wehrt sich.

Und Olivia sammelt Dokumente, Fotos und Zeugnisse ihrer Familiengeschichte.

ABRISS VORERST GESTOPPT

Auch das Haus der Familie sollte geräumt beziehungsweise unbrauchbar gemacht werden. Der Abriss ist derzeit gestoppt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass das Gebäude gerettet ist.

Nach den vorliegenden Unterlagen besteht weiterhin die Möglichkeit anderer Maßnahmen wie Räumung, Versiegelung oder Zumauerung. Deshalb fordert die Familie, sämtliche Maßnahmen auszusetzen, bis die rechtliche Situation endgültig geklärt ist.

Inzwischen hat der Fall eine weitere Wendung genommen.

Nicht mehr nur die Familie verlangt eine Prüfung der historischen Rechte. Auch das Gobierno de Canarias fordert, die Eigentums- und Registergeschichte vollständig zu untersuchen und festzustellen, welche Rechte bereits bestanden, bevor das Gelände Teil des öffentlichen Küstenbereichs wurde.

Dabei soll ausdrücklich geprüft werden, ob die Übergangsbestimmungen der Ley de Costas Anwendung finden und daraus ein Recht auf Nutzung beziehungsweise eine Konzession entstehen könnte.

Eine solche Konzession ist bislang nicht anerkannt.

Genau darüber wird nun gestritten.

AUCH DER KULTURHISTORISCHE WERT WIRD ZUM THEMA

Parallel dazu geht es längst nicht mehr ausschließlich um Eigentum und Küstenrecht.

Die Kulturvereinigung El Efequén hat beim Cabildo von Fuerteventura beantragt, das Haus der Cueva de la Negra als Bien de Interés Cultural (BIC) unter Schutz zu stellen.

Dabei geht es unter anderem um die traditionelle Bauweise und die ethnografische Bedeutung des Ortes. Im Umfeld befinden sich zudem archäologische Spuren.

Das Cabildo hatte bereits vorsorgliche Maßnahmen getroffen, um irreversible Eingriffe zu verhindern, solange die mögliche kulturelle und archäologische Bedeutung untersucht wird.

Damit stehen inzwischen mehrere Fragen gleichzeitig im Raum: Eigentum, Konzessionsrecht, Küstenschutz und Kulturerbe.

WEM GEHÖRT DIE GESCHICHTE EINER KÜSTE?

Natürlich schützt die Ley de Costas einen wichtigen öffentlichen Raum. Spaniens Küsten sollen nicht einfach privatisiert oder beliebig bebaut werden können.

Doch Cueva de la Negra wirft eine andere Frage auf.

Was geschieht mit Gebäuden, die bereits dort standen, lange bevor das heutige Küstengesetz existierte?

Und was geschieht mit den Spuren einer Lebensweise, die einmal typisch für Teile der kanarischen Küste war?

Bei der Familie Roger lässt sich diese Geschichte ungewöhnlich weit zurückverfolgen: durch Gerichtsurteile, alte Verwaltungsunterlagen, historische Fotografien – und durch Menschen, die noch selbst dort gelebt haben.

Lorenzo Pérez Díaz baute dort vor mehr als einem Jahrhundert sein Haus.

Seine Tochter Andrea wurde 1910 geboren.

Jahrzehnte später fuhr seine Urenkelin Olivia morgens mit der grünen Guagua von Cueva de la Negra zur Schule nach Morro Jable.

Und auf einem neueren Familienfoto steht Pascuala Roger Pérez vor dem Haus – neben ihrer Enkelin Lucía.

Fünf Generationen. Ein Haus. Mehr als hundert Jahre Familiengeschichte.

Ob dieses Haus auch für eine sechste Generation noch existieren wird, ist heute offen.Kanarenexpress dankt Olivia Francés Roger und der Familie Roger für die Bereitstellung der privaten historischen Fotografien und Dokumente

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Ich bin Joe

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Ich lebe seit über dreißig Jahren auf Teneriffa. Als gebürtiger Schweizer und ehemaliger Verleger mehrsprachiger Wochenzeitungen durfte ich viele Kulturen und Perspektiven kennenlernen. Heute widme ich mich meinen Leidenschaften: gutes Essen, guter Wein, Kochen, Backen – und natürlich dem Wandern über den Wolken, oder ich bin mit dem Auto unterwegs. Ich kenne fast alle Ecken und beschreibe verschiedene Tagesrouten und beleuchte die besten Aussichtspunkte, versteckte Dörfer, wo die Zeit stehengeblieben ist.

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