Wer heute durch die malerischen Gassen von Garachico schlendert oder den Sonnenuntergang an den Küsten Teneriffas genießt, vergisst leicht, dass die Kanarischen Inseln über Jahrhunderte hinweg kein Sehnsuchtsort für Urlauber waren, sondern ein Land der Armut und der Abschiede.
Tausende Kanarier verließen im 19. und 20. Jahrhundert ihre Heimat auf der Suche nach Brot und einer Zukunft. Doch am anderen Ende des Atlantiks warteten keineswegs nur offene Arme. Eine Spurensuche zwischen harter Arbeit, Vorurteilen und erstaunlicher Widerstandskraft.

Kanarische Auswanderer auf dem Holzschiff La Elvira Richtung Venezuela (1949).
Doch die Ankunft in Südamerika brachte nicht sofort die ersehnte Rettung. Das damalige venezolanische Militärregime begegnete den unangemeldeten Ankömmlingen mit großem Misstrauen. Man verdächtigte die geflüchteten Inselbewohner, gefährliche Kommunisten und politische Agitatoren zu sein.
Hunderte kanarische Flüchtlinge wurden nach ihrer Ankunft verhaftet und in berüchtigten Internierungslagern festgehalten – darunter auf der feuchtheißen Flussinsel Guasina im Mündungsdelta des Orinoco. Viele bezahlten ihren Traum von der Freiheit dort mit dem Leben, bevor die Überlebenden schließlich als Arbeitskräfte ins Land gelassen wurden.
Zusammenhalt und das unvergessene Erbe
Wie überstanden die Menschen diese extremen Belastungen? Die Antwort liegt in einer tiefen Kultur des Zusammenhalts.

Kanarische Auswanderer beim Tabakanbau in Cabaiguán (Cuba). Fuente: OnCuba News
Da die Kanarier von den lokalen Eliten oft isoliert wurden, bauten sie eigene, hochfunktionale Netzwerke auf (redes de paisanaje). Wer drüben Fuß gefasst hatte, holte Verwandte und Nachbarn aus dem heimischen Dorf nach, besorgte Unterkunft und empfahl sie weiter. Es bildeten sich Gegenseitigkeitsvereine (Asociaciones de Canarios), die als frühe Krankenkassen fungierten, Notleidenden unter die Arme griffen und die Kultur der Heimat lebendig hielten.
as Auswandererschiff Valbanera vor seiner tragischen letzten Reise 1919. Fuente: Alegando! Magazine

Dieser jahrhundertelange Austausch hat Spuren hinterlassen, die bis heute auf beiden Seiten des Ozeans tief verankert sind. Wer heute auf den Kanarischen Inseln lebt oder die Inseln bereist, begegnet dieser Geschichte auf Schritt und Tritt:
- In der Sprache: Der sanfte kanarische Akzent, die Satzstruktur und Wörter wie guagua (Bus) sind das direkte Produkt dieses jahrhundertelangen Sprachaustauschs mit der Karibik.
- In der Gastronomie: Die Vorliebe für Gerichte wie Ropa Vieja, die Verarbeitung von schwarzen Bohnen oder die Verwendung von Tropenfrüchten spiegeln die kulinarische Rückwanderung wider.
- In den Familien: Fast jede kanarische Familie hat bis heute Verwandte in Venezuela – das auf den Inseln nicht zufällig liebevoll als die „achte Insel“ (la octava isla) bezeichnet wird.
Die Geschichte der kanarischen Migration ist eine Mahnung und Inspiration zugleich. Sie erinnert uns daran, dass Wohlstand und Stabilität niemals selbstverständlich sind. Hinter den Klischees der „sturen Inselbewohner“ verbirgt sich das Schicksal von Tausenden Menschen, die mit Mut, Fleiß und unbeugsamem Willen in der Fremde ein neues Leben ertrotzt haben. Eine Geschichte, die es verdient, erzählt zu werden.
Quelle & Recherchegrundlage: Dieser Beitrag basiert auf den historischen Forschungen der Historiker Prof. Manuel Hernández und Prof. Ángel Dámaso (Universidad de La Laguna, ULL) sowie den Arbeiten des kubanischen Historikers Alfredo Martín Fadragas (Canarios: esclavitud blanca o asalariados), zusammengefasst im Recherchebericht von Alicia Justo für elDiario.es

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